Nick Leeson – Die Mutter aller kriminellen Börsenhändler
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Nick Leeson – Die Mutter aller kriminellen Börsenhändler
Nick Leeson führte die Barings Bank, wo sogar die britische Königin ein Konto hatte, durch riskante Börsengeschäfte vor 13 Jahren in den Ruin. An seinem 28. Geburtstag konnte der Börsenmakler die Pleite seines Arbeitgebers, eine der ältesten Investmentbanken in Großbritannien, feiern. Denn damit hatte der Sprössling einer Arbeiterfamilie endlich das erreicht, wonach es ihm so sehnte. Weltberühmtheit.
Über 945 Milliarden US Dollar Verluste prognostizierte erst vor wenigen Tagen der Internationale Währungsfonds den Banken weltweit. Ein wichtiger Grund hierfür wird zweifelsohne die Krise auf dem Immobilienmarkt in den USA sein. Sie bescherte der Weltwirtschaft nicht nur einen Verlust von rund 565 Milliarden US Dollar, sondern noch viel schlimmer, sie verursachte einen immensen Vertrauensverlust selbst in namhafte Banken in Deutschland. Gegen die IWF-Schätzung sehen die 4,9 Milliarden Euro Rekordverlust der Société Générale, die ihnen ihr mittlerweile entlassener Angestellter Jérôme Kerviel durch angeblich eigenmächtige Börsengeschäfte eingebrockt haben soll, vergleichsweise lächerlich aus.
Im Fall Jérôme Kerviel ist noch völlig ungeklärt, ob die Version der Société Générale wirklich wahr ist, wonach seine ranghohen Vorgesetzten und vor allem der Vorstand des 1864 gegründeten französischen Bankinstituts von seinen Aktivitäten am Finanzmarkt nichts gewusst haben will. Würde man diese Darstellung des Managements als Schutzbehauptung sehen, dann hätte Kerviel mit Billigung der Chefetage, die sich womöglich durch seine Transaktionen mit dem Geld der Anleger und Bankkunden große Gewinne erhofft hat, gehandelt. Wäre die offizielle Darstellung des Geldinstituts dagegen zweifelsfrei unstrittig, dann wäre dies eine Offenbarung der mangelnden Kontrollfunktion durch die Führungsetage der traditionsreichen Großbank.
Jérôme Kerviel – Ein Klon von Nick Leeson?
Als dann schließlich noch herauskam, dass Jérôme Kerviel mit Wertpapiergeschäften mit einem Nominalwert von über 50 Milliarden Euro ungehindert pokern durfte, war ein anderer Spieler, nämlich Nick Leeson, die Mutter aller kriminellen Börsenhändler, wieder im Gedächtnis der Finanzwelt verankert. Manche vermuteten hinter Jérôme erviel sogar einen Klon von Nick Leeson. Denn auch er wickelte für eine traditionsreiche Bank, die Barings Bank in roßbritannien, zunächst überschaubare Arbitragegeschäfte ab, führte dann jedoch risikoreiche pekulationsgeschäfte aus, die schließlich im Jahre 1995 zum Bankrott der Barings Bank führten.
Nach dem im Januar 2008 der Rekordverlust durch einen mutmaßlich kriminellen Wertpapierhändler bekannt wurde, schossen die Aktien von Nick Leeson wie bei einer Aktienrakete explosionsartig an, so dass Nick Leeson Interviewtermine an Höchstbieter versteigern konnte. Eine Nachrichtenagentur bot schließlich 1000 britische Pfund für ein Gespräch mit dem Mann, der einst an der Börse Singapur als Star gefeiert wurde, obwohl er in Wirklichkeit auf dem Börsenparkett ein großer Looser war.
Großbank macht Matheversager zum Chef der Buchhaltung
Aber nicht nur dort. Die Barings Bank, deren Wurzeln bis in das Jahr 1717 zurückreichen und die lange Zeit sogar als “sechste Großmacht” bezeichnet wurde, weil sie mehreren Staaten ihre politischen Pläne und Kriege finanzierte, vertraute einem Mann ihre Geschäfte in Asien an, der bei seiner Abiturprüfung bewiesen hat, dass er nicht rechnen konnte. Nach dem Nick Leeson bei der Matheprüfung versagte, entschloss er sich zu einer Banklehre. Nach Zwischenstationen bei mehreren Banken, wechselte er 1989 schließlich zur Barings Bank, die ihn 1990 nach Hong Kong schickte, wo er als Teamleiter seine ganz besonderen Talente in Sachen Buchhaltung unter Beweis stellen konnte.
Keine zwei Jahre später beförderte ihn die Bank zum General Manager in Singapur, wo er unter anderem mit der Abwicklung und Kontrolle der Handelsgeschäfte vertraut war. Obgleich für eine Investmentbank unüblich, stieg er nach der Zulassung als Börsenhändler an der SIMEX (Singapore Monetary Exchange) sogar zum Chefhändler des Bankinstituts an der Börse Singapur auf. Das Management im weit entfernten London hielt eine Kontrolle für das Arbitragegeschäft und die Umsetzung von Kundenaufträgen für überflüssig. Dies war der Anfang vom Ende, da es fortan keine Kontrollinstanz mehr gab.
Denn schon 1993 mochten ihn die geringen Gewinne aus dem Arbitragegeschäft nicht mehr befriedigen. Er wollte mehr, immer mehr. So begann er unerlaubt und ohne Wissen der Zentrale, das Geld der Bankkunden in
hochgefährliche Spekulationsgeschäfte mit Derivaten zu stecken. Schnell musste er dabei feststellen, dass seine Rechnung nicht aufging und er statt Gewinnen Millionenverluste für seine Bank einfuhr. Auf gelegentliche Rückfragen aus London reagierte der Hochstapler mit Urkundenfälschungen und Lügen.
Niemand kontrolliert den Pokerspieler
Aufgrund des Fehlens jeglicher Kontrolle, war es für den unredlichen Börsenmakler sehr einfach, die Verluste zu kaschieren, indem er diese über ein angebliches Kundenkonto, was in Wirklichkeit ein von ihm eingerichtetes Unterkonto der Bank gewesen war, verbuchte. Die Kontonummer lautete aberwitzigerweise “88888″. Spätestens jetzt, hätte der Londoner Zentrale klar werden müssen, dass sie einen Pokerspieler mit ihrem Asiengeschäft beauftragt hatte. Denn die “8″ ist die chinesische Glückszahl. Aber auch durch seine nächtlichen Alkoholexzesse und durch sein entblößtes Hinterteil einer Stewardess der Singapore Airlines gegenüber, hätte der Bank vielleicht ein Licht aufgehen können.
Statt ihn zu feuern, wurde der Milliardenbetrüger als “Mann mit den goldenen Händchen” gefeiert und obendrein noch mit üppigen Prämienzahlungen in sechsstelliger Höhe belohnt. Immerhin hatte die Bank ihm einiges zu verdanken, so erwirtschaftete er mehr als 20% des gesamten Gewinns der Barings Bank – auf dem Papier. Nur auf dem Papier. 1994 versuchte er die Millionenverluste durch waghalsige Spekulationen in Straddles, die darauf ausgerichtet waren, dass der Verlauf des japanischen Aktienindex Nikkei stabil bleiben würde, zu kompensieren. Das Erdbeben löst ein Erdbeben aus Das Erdbeben von Kobe am 17. Januar 1995 machte alle seine Pläne zunichte, so dass er allein an diesem Tag und in den folgenden Tagen auf Kosten der Bank einen neunstelligen Verlust erzielte, den die Barings Bank trotz eines Eigenkapitals von 615 Millionen US Dollar nicht mehr verkraften konnte. Am 28. Februar 1995 meldete die Barings Bank schließlich Konkurs an. Die Pleite dieses renommierten Bankhauses war damals schon ein kleines Erdbeben auf dem globalen Finanzmarkt, der damals infolge des schwächelnden britischen Pfund monatelang mit einer Devisenkrise zu kämpfen hatte.
Die weltweite Flucht von Nick Leeson endete schließlich am 2. März 1995 auf dem Flughafen Frankfurt am Main, wo er neun Monate in Auslieferungshaft saß. Schließlich wurde der britische Staatsbürger nach Singapur ausgeliefert, wo er letztendlich vier Jahre seiner sechsjährigen Gefängnisstrafe verbüßen musste. In seiner Gefängniszelle verfasste er schließlich auch seine Autobiographie “Rogue Trader”, die in Deutschland unter dem Titel “Das Milliardenspiel in die Buchläden kam und 1999 verfilmt wurde. In seiner Biografie berichtet er nicht nur über seine waghalsigen Transaktionen an den Finanzplätzen der Welt, sondern auch seine Besuche bei Geishas in Singapur werden ausführlich dargestellt. Seine damalige Ehefrau, Lisa, reichte daraufhin die Scheidung ein. Heute lebt Nick Leeson unter anderem von Vorträgen über Risikomanagement in der Finanzbranche. Er ist nach wie vor ein Spieler geblieben, allerdings begrenzen sich seine Einsätze heutzutage nur noch auf einige hundert Euro beim Spread Betting. Professionell spielen lässt er dagegen nur noch andere, die Spieler des irischen Fußball-Erstligisten Galway United, den er seit April 2005 managt.
© 2008 by Anatol Wiecki, media.wiecki
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